Silly Shepherds · Lesezeit ca. 7 Minuten
Drei Tage. Drei Wochen. Drei Monate.
Die sogenannte 3-3-3-Regel beschreibt grob verschiedene Phasen der Eingewöhnung. Kein verbindlicher Zeitplan, eher eine Orientierung.
Und ehrlich? Bei Odin habe ich nach drei Wochen tatsächlich das Gefühl, dass sein neuer Alltag langsam vertrauter wird.
Woche 3 beginnt an Tag 17. Odin humpelt noch etwas, bekommt weiterhin seine verordneten Medikamente und wirkt deutlich lebhafter als zuvor.
Wir möchten weiter aufbauen. Gleichzeitig müssen wir seinen Ellenbogen im Blick behalten. Mehr Tatendrang bedeutet schließlich nicht automatisch, dass eine Verletzung schon verheilt ist.
🐾 Der Hundeföhn – ein neues Kapitel
Tag 17. Die Hunde sind nass.
Zara lässt sich gerne föhnen. Von vorne bis hinten steht sie da und genießt ihr persönliches Wellnessprogramm.
Odin möchte davon absolut nichts wissen.
Also versuchen wir es vorsichtig. Ich halte die Leine kurz und lasse den Luftstrom zunächst an Rücken und Bauch, nicht an seinen Kopf.
Er bleibt stehen. Begeistert sieht anders aus.
Heute würde ich dieses Stehenbleiben nicht automatisch als Entspannung verstehen. Ein Hund kann etwas aushalten, ohne sich damit wohlzufühlen. Festhalten und wiederholen allein machen aus einem unangenehmen Erlebnis noch kein gutes.
An Tag 22 bleibt er erneut stehen. Den Kopf lassen wir weiterhin aus. An anderen Körperstellen scheint er es eher zu tolerieren.
Für uns bleibt die Aufgabe, genauer hinzuschauen und die Gewöhnung in kleine, angenehme Schritte aufzuteilen. Weniger Intensität, kurze Einheiten, Pausen – und aufhören, bevor es ihm zu viel wird.
Der Föhn soll irgendwann möglichst unspektakulär sein. Im Moment hat Odin dazu noch eine andere Meinung.
🐾 Zara – eine leise Veränderung
Mir fällt immer deutlicher auf, dass auch Zara sich verändert.
Sie läuft häufiger so, wie Ayla es früher gemacht hat: ein gutes Stück hinter mir, ganz in Ruhe die Hundezeitung lesend.
Überall wird geschnüffelt. Jede Duftnachricht bekommt offenbar eine ausführliche Prüfung.
Ich muss öfter nach ihr schauen und sie ansprechen, damit wir zusammenbleiben. Sie wirkt weniger aufmerksam und beschäftigt sich mehr mit ihren eigenen Interessen.
Vielleicht spielen die Zeit nach ihrer Läufigkeit und die Wärme eine Rolle. Vielleicht verändert auch Odins Anwesenheit unsere bisherigen Abläufe.
Manchmal denke ich scherzhaft: Sie sieht, wie er Grenzen ausprobiert, und beschließt, ihre eigenen Vertragsbedingungen ebenfalls neu zu verhandeln.
Was tatsächlich dahintersteckt, weiß ich nicht.
Schon an Tag 16 zeigte sie bei vierundzwanzig Grad wieder mehr Energie. Beim Rennspiel mit Odin hielt sie selbstbewusst mit und hatte sichtbar Freude daran.
Auch diese Woche sehe ich: Ihre Spielfreude ist noch da. Sie zeigt sie nur nicht bei jeder Temperatur und in jeder Situation gleich.
🐾 Garry, Charlie und neue Begegnungen
In dieser Woche begegnen wir Hunden, die Odin bereits kennt, und machen weitere Erfahrungen mit neuen Bekanntschaften.
Garry – eine deutliche Antwort
Garry treffen wir an Tag 20 und Tag 24 auf der Hundewiese.
Er zeigt ziemlich deutlich, wenn ihm etwas zu viel wird.
Odin läuft sehr schnell auf ihn zu. Garry erschrickt und reagiert mit einem kurzen Abschnappen.
Odin geht nicht in einen Kampf über. Er schaut, bewegt sich um Garry herum und scheint noch nicht recht zu wissen, wie er die Begegnung gestalten soll.
Er muss lernen, dass nicht jeder Hund auf seine schwungvolle Begrüßung wartet.
Und ich muss dafür sorgen, dass andere Hunde ihm das nicht erst durch eine unangenehme Begegnung erklären müssen.
Dass es diesmal nicht eskaliert, macht das schnelle Hinrennen nicht zu einer guten Übung. Unsere Aufgabe ist, solche Begegnungen früher zu begleiten: Tempo herausnehmen, Abstand schaffen und beiden Hunden die Möglichkeit geben, sich zu entziehen.
Auch Odins noch nicht vollständig erholter Ellenbogen gehört dabei in die Entscheidung.
Charlie – kleine Schritte nebeneinander
Mit Charlie läuft es zunehmend besser.
Charlie ist der unkastrierte Rüde unseres Nachbarn. Ein selbstbewusster Hund, der anderen nicht sofort ausweicht.
Wir gehen mit beiden an der Leine ruhig nebeneinander, mit ausreichend Abstand.
Keine große Inszenierung. Einfach gemeinsam unterwegs sein.
Ein kleiner Schritt. Aber ein echter.
🐾 Training – wiederholen und langsam aufbauen
„Sitz“ wird immer vertrauter.
An der Ampel. Bevor die Leine angelegt wird. Am Tor zur Hundewiese.
Noch nicht unter allen Bedingungen, aber immer häufiger.
Menschen, die es sehen, reagieren freundlich. Für mich ist das eine schöne Bestätigung: Da verändert sich etwas.
Ein unerwarteter Moment am Stromkasten
An Tag 20 passiert etwas, das mich überrascht.
Zara lasse ich an einer bestimmten Stelle mit den Vorderpfoten hochgehen, damit ich die Leine leichter befestigen kann.
Odin sieht es und macht es ebenfalls. Ohne dass ich ihn dazu aufgefordert habe.
Für mich sieht es aus, als hätte er es bei ihr abgeschaut. Sicher sagen kann ich das nicht – aber es ist einer dieser kleinen Momente, die hängen bleiben.
Für Odin ist das mit seinem verletzten Ellenbogen allerdings keine Übung, die ich jetzt weiter ausbauen sollte. Anleinen am Boden ist vorerst die vernünftigere Lösung.
An den Ampeln setzen sich inzwischen häufig beide, ohne dass ich das Signal jedes Mal neu geben muss.
Zehn Tage zuvor hätte ich mir das kaum vorstellen können.
Die Würgekette gehört weiterhin zu unserem Rückblick
Draußen verwenden wir zu diesem Zeitpunkt noch eine Würgekette, wenn Odin stark auf andere Hunde reagiert.
Ich habe den Eindruck, seltener eingreifen zu müssen. Manchmal reagiert er bereits auf das Geräusch der Kette.
Das kann aber auch bedeuten, dass er eine unangenehme Einwirkung erwartet. Es beweist nicht, dass er in der Situation entspannt ist oder die Begegnung besser verarbeiten kann.
Wie in den vorherigen Wochen gilt: Das ist ein ehrlicher Bericht über unser damaliges Vorgehen, keine Empfehlung. Eine Würgekette kann Schmerzen und Verletzungen verursachen.
Mein Ziel bleibt, ihn ohne dieses Hilfsmittel sicher zu führen. Dafür brauchen wir passende Ausrüstung, mehr Abstand zu schwierigen Auslösern und fachkundige, belohnungsorientierte Unterstützung.
🐾 Der Dachs – Tag 14, aber längst nicht vergessen
Noch einmal zurück zu Tag 14. Diese Begegnung muss ich erwähnen.
Etwa fünf Meter entfernt steht ein großer Dachs.
Zara bleibt bei uns. Odin möchte sofort hinterher.
Ich filme die Situation.
Im Rückblick ist klar: In so einem Moment hat das sichere Führen der Hunde Vorrang vor einer Aufnahme. Abstand schaffen und dem Wildtier Raum lassen ist wichtiger als das Video.
Auch in Woche 3 scheint Odin die Stelle nicht vergessen zu haben. Bei unseren späten Abendrunden sucht er aufmerksam im Gebüsch.
Ob er genau diesen Dachs erwartet, kann ich natürlich nicht wissen. Auf mich wirkt es jedenfalls so.
Der Dachs hat offenbar einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
Bei Odin. Und ehrlich gesagt auch bei mir.
🐾 Drei Wochen – unsere Bilanz
Von Tag 1 bis Tag 24.
Vom einfachen Seil zu einem eigenen breiten Halsband. Von einer heftigen Reaktion auf die Labradorhündin zu Begegnungen, bei denen wir ruhig an einem Weißen Schäferhund und einem Malinois vorbeikommen.
Nicht jede Begegnung klappt. Aber diese gelungenen Momente zählen.
Odin folgt mir durch den Tag. Wenn ich auf die Toilette gehe, wartet er vor der Tür.
Abends legt er sich neben mich auf seine Decke.
Nach schwierigen Momenten sucht er oft Kontakt. Ich habe das zunächst als Wunsch nach Bestätigung verstanden: eine Berührung, ein Zeichen, dass alles wieder in Ordnung ist.
Was genau er dabei braucht, lässt sich nicht sicher sagen. Aber es erinnert mich daran, wie wichtig ein ruhiger und verlässlicher Umgang mit ihm ist.
Für mich ist er kein hoffnungsloser Fall.
Er ist ein Hund, der sich in einem neuen Leben zurechtfinden muss. Einer, dem viele Grundlagen fehlen. Und einer, bei dem wir langsam entdecken, was ihm hilft.
Vielleicht lernt er gerade, was es bedeutet, irgendwo zu Hause zu sein.
Und wir lernen, ihm dieses Zuhause verständlicher zu machen.
Nächste Woche geht es weiter.
Wir stehen schließlich noch ziemlich am Anfang.
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🐕 Kein Wikipedia-Eintrag. Einfach unser Leben.
Das ist keine Trainingsanleitung. Es ist unser ehrliches Tagebuch über einen Hund, der eine zweite Chance verdient – und einen Menschen, der weiterlernt und nicht aufgibt. Woche für Woche. Schritt für Schritt.




























