Silly Shepherds · Lesezeit ca. 7 Minuten
Tag 8. Morgenspaziergang. Und da kommt sie.
Die einjährige schwarze Labradorhündin. Dieselbe Hündin, bei deren Anblick Odin am ersten Tag explodierte, wie ich es noch nie erlebt hatte.
Bei der mir der Angstschweiß über den Rücken lief. Bei der ich dachte: Was habe ich mir da eigentlich eingebrockt?
Odin schaute. Schnupperte in die Luft. Schaute noch einmal.
Und ging einfach weiter.
Kein Knurren. Kein Ziehen. Kein Ausrasten. Einfach weiter.
Dieser Moment. Genau dieser Moment fasste unsere erste Woche mit Odin zusammen.

🐾 Wie alles begann – Tag 1
Samstag, 1. August. Um Viertel vor acht fuhren wir Richtung Nordniederlande los. Mit dem Elektroauto, zwei Stunden und zwanzig Minuten Fahrt und einer kurzen Pause unterwegs, damit wir nicht zu früh ankamen.
Dort erwarteten uns eine Mutter und ihre Tochter, die verzweifelt nach einer Lösung für ihren Hund suchten.
Ein schwarzer Deutscher Schäferhund. Ein Rüde, fast zwei Jahre alt. Ein Seil als Leine. Keine erkennbaren Grundsignale.
Aber Augen, die mich berührten.
Ich sah in seinem Blick eine Ruhe, die mir Hoffnung machte. Heute würde ich daraus keine Aussage darüber ableiten, wie ein Hund in schwierigen Situationen reagiert. Damals war es für mich der Moment, in dem ich dachte: Wir versuchen es.
Wir nahmen ihn mit.
Auf der ganzen Rückfahrt gab er keinen Laut von sich. Er schaute ruhig umher und schlief zwischendurch. Es wirkte, als könnte er sich auf die Fahrt einlassen.
Zu Hause: die Hundewiese, die erste Begegnung mit Zara, einen eigenen Platz finden, das Planschbecken entdecken.
Der erste Tag schien gut zu laufen.
Bis zum Abendspaziergang.
Wir waren noch keine vierhundert Meter im Park, als uns ein Mann mit seiner schwarzen Labradorhündin begegnete. Eine freundliche Hündin, mit der Zara normalerweise gerne spielt.
Odin sah das offenbar ganz anders.
Was dann kam, hatte ich so noch nie erlebt. Eine Kraft an der Leine, als wollte er direkt auf die andere Hündin losgehen.
Mit der dünnen Seilleine hätte ich ihn kaum sicher halten können. Angstschweiß. Fast gestürzt.
Zu Hause musste ich mich erst einmal sammeln.
Ein fast zweijähriger Hund, dem so viele Grundlagen fehlten – das war ein ziemlicher Schreck.
An diesem Abend begann ich zu lesen. Dabei stieß ich auf die sogenannte 3-3-3-Regel zur Eingewöhnung. Sie gab mir etwas Orientierung, auch wenn sie kein fester Zeitplan für jeden Hund ist.
Odin schlief die ganze Nacht neben mir auf dem Boden. Zwischendurch bekam ich einen Schlecker ab.
Und ich dachte: Wir finden einen Weg.
An diesem Abend gab ich ihm auch einen neuen Namen.
Er verdient einen frischen Anfang. Und ein Hund mit der Ausstrahlung eines Gottes darf auch einen entsprechenden Namen bekommen.
Ab jetzt heißt er Odin.
Tag 1. Die erste Begegnung mit Zara. Vorsichtig. Neugierig. Und bei uns schon die Hoffnung: Daraus könnte etwas Schönes werden.
🐾 Was wir in dieser Woche gelernt haben
Tag 2 – Nähe, neues Futter und nasse Vorderpfoten
Odin pinkelt noch in der Hocke. Dabei erwischt er gelegentlich seine eigenen Vorderpfoten.
Warum er so pinkelt, weiß ich nicht. Es sagt jedenfalls nichts darüber aus, ob er verstanden hat, dass er ein Rüde ist. Nur seine Treffsicherheit hat noch Luft nach oben.
Er frisst das neue Trockenfutter, folgt mir den ganzen Tag und wartet vor der Tür, wenn ich auf die Toilette gehe.
Er sucht bereits viel Nähe. Ob dahinter schon Vertrauen steckt oder zunächst Unsicherheit in der neuen Umgebung, lässt sich nach zwei Tagen noch nicht sicher sagen.
Aber der Kontakt ist da.
Tag 3 – Eine Entscheidung, die ich kritisch sehe
Ich setzte eine Würgekette ein.
Es war nicht meine erste Wahl. Wenn Odin einen anderen Hund sah, schien nichts mehr bei ihm anzukommen: kein Leckerli, kein Ball, keine Stimme.
Damals wollte ich seine Reaktion mit einem kurzen Leinenimpuls unterbrechen. In diesen Momenten hatte ich den Eindruck, ihn wieder erreichen zu können.
Aber eine unterbrochene Reaktion bedeutet nicht automatisch, dass seine Anspannung verschwunden ist. Und meine Absicht macht eine Würgekette weder schmerzfrei noch ungefährlich.
Ich erzähle das, weil es zu dieser ersten Woche gehört. Es ist keine Empfehlung, es genauso zu machen.
Mein Ziel ist, Odin sicher führen zu können, ohne dieses Hilfsmittel zu brauchen. Dafür gehören mehr Abstand zu Auslösern, passende Ausrüstung und fachkundige, belohnungsorientierte Unterstützung in den Plan.
Tag 4 – Das erste „Sitz“
Am Tor zur Hundewiese bat ich ihn zum ersten Mal, sich zu setzen.
Nach drei Versuchen machte er es.
Ein kleiner Moment. Für mich ein großes Zeichen.
Im Wald ließ ich ihn zum ersten Mal ohne Leine laufen. Er blieb bei uns.
Damals fühlte sich das nach gegenseitigem Vertrauen an. Zwei Tage später sollte ich lernen, dass ein guter Moment noch keinen zuverlässigen Rückruf bedeutet.
Tag 5 – Begegnungen ohne großes Drama
Auf der Hundewiese kam ein neuer Hund durch das Tor.
Kein Ausrasten. Kein Bellen. Schnuppern und weitergehen.
Später war ein anderer Rüde frei auf der Wiese unterwegs. Odin bellte kurz, hörte nach meinem „Nein“ aber auf.
Kein Kampf. Kein großes Drama.
Das fühlte sich gut an. Trotzdem war es eine gelungene Begegnung in dieser Situation – noch kein Beweis dafür, dass jetzt jede Begegnung problemlos laufen würde.
Tag 6 – Zu früh zu viel Freiheit
Ein Rückschritt.
Ich ließ Odin im Wald zu früh von der Leine. In der Ferne war ein Mädchen mit einem Hund.
Odin lief hinterher.
Dann war er außer Sicht. Ich hörte Knurren und Bellen.
Schließlich kam er zurück. Das war das einzig Positive an diesem Moment.
Ich entschuldigte mich bei dem Mädchen.
Die Lektion war deutlich: Ich hatte ihm mehr Freiheit gegeben, als ich sicher verantworten konnte.
Das war kein Vertrauensbruch von Odin. Es war meine Fehleinschätzung.
Solange sein Rückruf unter Ablenkung nicht zuverlässig funktioniert, braucht es eine sichere Leinenführung und kontrollierte Bedingungen.
Tag 7 – Ein guter Tag
Zwei neue Hunde auf der Wiese. Beide Begrüßungen verliefen ruhig.
Auch mit Charlie, einem normalerweise sehr selbstbewussten Rüden, ging es gut.
Ein guter Tag.
Nach dem Erlebnis im Wald tat das besonders gut. Trotzdem blieb die Aufgabe dieselbe: hinschauen und nicht aus einem Erfolg gleich eine allgemeine Freigabe machen.
Tag 8 – Die Labradorhündin von Tag 1
Dann begegneten wir ihr wieder.
Der schwarzen Labradorhündin vom ersten Abend.
Odin schaute – und ging ruhig mit mir vorbei.
Ich hätte in diesem Moment vermutlich selbst ein Leckerli verdient.
Später probierten wir erste kleine Sprünge über niedrige Pfosten. Er hatte sichtbar Freude daran.
Und „Sitz“ wurde langsam ein vertrauter Bestandteil unserer Spaziergänge.
🐾 Woche 1 – unsere Bilanz
Von Tag 1 bis Tag 8.
Vom einfachen Seil zu einer eigenen, breiteren Leine. Vom Angstschweiß zu einer ruhigen Begegnung mit genau der Labradorhündin, bei der alles angefangen hatte.
Eine Woche. Ein Schritt nach dem anderen.
Mit schönen Momenten. Mit Fehlern. Und mit der Erkenntnis, dass Fortschritt nicht bedeutet, dass plötzlich alles geschafft ist.
Odin ist es wert.
Jeden Tag aufs Neue.
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🐕 Kein Wikipedia-Eintrag. Einfach unser Leben.
Das ist keine Trainingsanleitung. Es ist unser ehrliches Tagebuch über einen Hund, der eine zweite Chance verdient – und einen Menschen, der weiterlernt und nicht aufgibt. Woche für Woche. Schritt für Schritt.
































