Hund zieht an der Leine? Schritt für Schritt zur lockeren Leine

von Paul | 8-10-2026 | Training_DE

hond trekt aan de lijn

Die lockere Leine: So lernt dein Schäferhund, ohne Ziehen mitzugehen

Ich weiß noch genau, welche Straße es war.

Ein ruhiges Wohnviertel, ein ganz normaler Vormittag, auf dem Weg zum Park. Eine Katze kam aus einer Hecke, und innerhalb eines Sekundenbruchteils war die Leine gespannt wie eine Gitarrensaite.

Reflexartig zog ich zurück. Meine Hündin zog stärker.

Ein paar Sekunden standen wir da: Ich mit Schmerzen im Arm und einem etwas verlegenen Blick auf den Passanten. Sie mit ihrer gesamten Aufmerksamkeit bei dieser Katze.

Als die Katze verschwunden war, gingen wir weiter, als wäre nichts gewesen.

Aber etwas war passiert. Trotz des Ziehens ging es irgendwann wieder vorwärts. Ich hatte meiner Hündin nicht verständlich gezeigt, welches Verhalten ich stattdessen wollte.

Nach dreißig Jahren und vier Deutschen Schäferhunden gehe ich heute anders vor.

Das ist kein Wundermittel. Ich bin auch kein Verhaltenstherapeut. Es ist die Vorgehensweise, die sich bei mir und meinen Hunden im Alltag bewährt hat.

Warum Grenzen manchmal nicht verständlich sind

Ich sehe zwei Muster immer wieder. Und ich bin selbst in beide hineingeraten.

Das erste ist eine Regel, die heute gilt und morgen nicht.

Der Hund darf nicht aufs Sofa. An einem müden Abend dann doch, „weil er heute so lieb ist“.

Natürlich kann ein Hund lernen, dass er nur auf Einladung aufs Sofa darf. Diesen Unterschied musst du ihm aber verständlich beibringen.

Wechselst du ohne klares Signal zwischen Erlauben und Verbieten, wird es schwieriger, deine Erwartungen zu verstehen.

Das zweite Muster ist eine zu späte Reaktion.

Du reagierst erst, wenn dein Hund bereits kräftig zieht oder nach vorne springt. Dann kann er so aufgeregt sein, dass eine Übung, die zu Hause gut funktioniert, draußen plötzlich nicht mehr klappt.

Jetzt braucht es einfachere Bedingungen und mehr Abstand zur Ablenkung.

Was eine klare Regel verständlich macht

Für mich kommt es auf drei Dinge an: Timing, Vorhersehbarkeit und Wiederholung.

Du bemerkst früh, was passiert. Deine Reaktion bleibt ruhig und verständlich. Und dein Hund bekommt immer wieder Gelegenheit, erfolgreich zu sein.

Meine Regel für die Leine ist deshalb kurz:

Mit lockerer Leine kommen wir voran. Ziehen bringt dich nicht näher an dein Ziel.

Das ist das Trainingsziel. Dein Hund muss es nicht vom ersten Spaziergang an überall beherrschen.

Du übst zunächst an einem ruhigen Ort und baust darauf auf.

Was brauchst du?

  • Eine normale Führleine.
  • Gut sitzende, bequeme und sichere Spazierausrüstung.
  • Dein Markersignal, zum Beispiel „Ja!“ oder einen Clicker.
  • Eine Belohnung, die dein Hund tatsächlich möchte.

Das kann ein kleines Stück Futter sein. Auch ruhige Zuwendung oder das Weitergehen zu einer interessanten Schnüffelstelle können sich als Belohnung eignen. Entscheidend ist, was dein Hund in diesem Moment als lohnend empfindet. avsab.org

Hat dein Hund die Bedeutung des Markersignals noch nicht gelernt? Beginne mit der Trainingseinheit „Dem Hund seinen Namen beibringen“.

Wähle eine ruhige Umgebung und halte die Einheiten kurz. Du brauchst ausreichend Gelegenheiten, bei denen dein Hund Erfolg haben kann.

Eine lockere Leine bedeutet übrigens nicht, dass dein Hund dauerhaft exakt bei Fuß laufen muss. Er darf sich innerhalb der verfügbaren Leinenlänge bewegen und schnüffeln.

Schritt für Schritt

1. Achte auf den Moment, bevor die Leine straff wird

Oft erkennst du schon, wie dein Hund sein Gewicht nach vorne verlagert oder schneller wird.

Achte auf diesen Anfang. Belohne vor allem die Momente, in denen er von selbst an lockerer Leine läuft.

Du musst nicht warten, bis etwas schiefgeht.

2. Bleib stehen, sobald er zieht

Gehe nicht weiter in Richtung seines Ziels.

Kein Leinenruck, kein Zurückziehen. Halte ihn sicher und bleib selbst möglichst ruhig.

So verhinderst du, dass das Ziehen unmittelbar zum gewünschten Vorankommen führt.

3. Gib ihm einen kurzen Moment

Manche Hunde ziehen zunächst noch kräftiger. Gib deinem Hund kurz Gelegenheit, etwas anderes auszuprobieren.

Springt er wiederholt nach vorne, wirkt er ängstlich oder ist er vollständig auf die Ablenkung fixiert? Vergrößere den Abstand und mache die Situation leichter.

Endloses Stehenbleiben ist kein Selbstzweck. Du willst Lernen ermöglichen, keine Geduldsprüfung mitten auf dem Gehweg veranstalten.

4. Markiere die lockere Leine

Sobald der Zug nachlässt und die Leine locker wird, gib dein Markersignal.

Schaut dein Hund dabei zu dir, ist das schön. Für diese Übung reicht Anschauen allein aber nicht, solange er weiterhin an der Leine zieht.

5. Belohne und gehe weiter

Gib zum Beispiel ein kleines Leckerli neben deinem Bein. Oder gehe wieder ein paar Schritte vorwärts, wenn das in dieser Situation eine passende Belohnung ist.

Belohne auch während des Gehens, solange die Leine locker bleibt. Das Belohnen des erwünschten Laufens ist ein wichtiger Bestandteil des Trainings. rspca.org.uk

Dieser letzte Punkt macht einen großen Unterschied.

Du möchtest keine feste Abfolge aufbauen aus:

Ziehen → stehen bleiben → zurückkommen → Leckerli.

Dein Hund soll entdecken, dass entspanntes Mitgehen selbst etwas bringt.

Genau darin liegt der Unterschied zu meinem damaligen Katzenmoment. Damals geriet ich in ein Kräftemessen. Heute versuche ich, verständlich zu machen, welches Verhalten tatsächlich weiterhilft.

Klar sein, ohne hart zu werden

Vielleicht denkst du: Ist das nicht zu sanft für einen Hund mit so viel Kraft und Temperament?

Ich verstehe den Gedanken.

Eine verständliche Regel braucht aber keinen harten Ruck und keine laute Stimme.

Dein Hund lernt den Zusammenhang: Ziehen führt nicht weiter. Eine lockere Leine macht Weitergehen möglich.

Dafür brauchst du viele passende Wiederholungen. Gleichzeitig musst du die Situation im Blick behalten.

Ist dein Hund mitten in einer schwierigen Begegnung, hat er Angst oder kannst du nicht sicher stehen bleiben? Hilf ihm zuerst aus der Situation.

Danach könnt ihr unter leichteren Bedingungen weiterüben.

Ein Spaziergang muss kein Kraftvergleich werden. Das Ziel ist, dass dein Hund versteht, was du möchtest, und es zunehmend besser umsetzen kann.

Vorhersehbare Abläufe können dabei helfen. Sie machen einen Hund aber nicht automatisch entspannt, wenn die Umgebung ihn gerade überfordert.

Häufige Fehler

  • Ziehen regelmäßig zum Erfolg führen lassen. Erreicht dein Hund durch Ziehen häufig eine Schnüffelstelle, einen anderen Hund oder sein Ziel, bleibt dieses Verhalten lohnend. Ein einzelner schwieriger Moment löscht nicht wochenlanges Training aus. Häufig wechselnde Regeln erschweren das Lernen aber.
  • Dieselbe Aufforderung ständig wiederholen. Kann dein Hund gerade nicht reagieren, mache die Situation leichter, statt lauter oder häufiger zu rufen. Ruhiges Sprechen ist an sich kein Fehler.
  • Nur reagieren, wenn es schiefgeht. Belohne das gute Laufen, bevor die Leine straff wird.
  • Sofort unter den schwierigsten Bedingungen üben. Beginne ruhig und steigere die Ablenkung schrittweise.
  • In einen Ziehwettbewerb geraten. Sicheres Festhalten kann nötig sein. Es zeigt deinem Hund aber noch nicht, wie er entspannt mitgehen soll. Brauchst du ständig viel Kraft, vergrößere den Abstand und passe das Training an.

Wo es schwieriger wurde: Odin

Bei Zara, die ich schon als Welpen trainiert habe, lief das vergleichsweise unkompliziert.

Odin war eine andere Geschichte.

Wir übernahmen ihn von einer Familie, als er fast zwei Jahre alt war. Es fehlten grundlegende Alltagserfahrungen und gelernte Signale. Nicht einmal „Sitz“ kannte er.

Er ist kräftig und reagiert intensiv auf Reize. Wird er zu aufgeregt, wirkt es, als würde er mich weder sehen noch hören.

Bei anderen Hunden sprang er nach vorne und bellte. Meine Versuche, ihn zu erreichen, kamen kaum bei ihm an.

Mit der einfachen Seilleine, mit der er zu uns kam, konnte ich ihn damals nicht sicher führen. Ohne Leine ging es ebenso wenig.

Deshalb verwende ich bei Odin eine Würgekette. Ich bin kein Befürworter davon; es war mein damaliger Versuch, mit einer Situation umzugehen, die ich nicht sicher beherrschte.

Meine Absicht war, seine Reaktion zu unterbrechen und anschließend weiterzutrainieren.

Meine Absicht macht dieses Hilfsmittel aber weder schmerzfrei noch ungefährlich. Eine Würgekette kann Schmerzen und Verletzungen verursachen. Mein persönlicher Bericht ist deshalb keine Anleitung und keine Empfehlung, es genauso zu machen.

Die tierärztliche Fachgesellschaft AVSAB empfiehlt belohnungsbasierte Methoden auch bei schwierigen Verhaltensproblemen und rät von schmerzverursachenden Hilfsmitteln wie Würgeketten ab. avsab.org

Was ich dir mitgeben möchte: Vergrößere zunächst den Abstand zu den Auslösern und baue das Training unter leichteren Bedingungen auf.

Hast du einen kräftigen Hund, der heftig auf andere Hunde oder Reize reagiert, hole dir qualifizierte Unterstützung. Eine belohnungsorientiert arbeitende Fachperson kann mit euch eine sichere Ausrüstung, passende Abstände und einen Trainingsplan entwickeln.

Die Übung an lockerer Leine allein behandelt keine Angst oder ausgeprägte Reaktivität.

Die ganze Geschichte über Odin findest du in seinem Tagebuch.

Wann machst du weiter?

Bleibt die Leine in einer ruhigen Umgebung meistens locker, auch bei kleinen Ablenkungen? Dann kannst du die Anforderungen langsam steigern.

Das Grundmuster bleibt gleich:

  • Früh beobachten.
  • Beim Ziehen nicht weiter zum Ziel gehen.
  • Die wieder lockere Leine markieren und belohnen.
  • Vor allem auch das gute Laufen zwischendurch belohnen.

Wird es zu schwierig, gehe einen Schritt zurück.

Mehr Abstand, weniger Ablenkung oder eine kürzere Einheit können bereits helfen.

Denselben Grundgedanken – verständlich machen, welches Verhalten sich lohnt – kannst du auch beim ruhigen Begrüßen oder beim Warten während der Futtervorbereitung nutzen.

Darauf kommen wir in einer weiteren Trainingseinheit zurück.

Klappt es bei euch anders als hier beschrieben oder bist du unsicher? Lass eine qualifizierte Trainerin, einen Trainer oder eine Fachperson für Verhalten mit euch hinschauen.

Du möchtest mehr wissen?

Mehr über klare Grenzen und Vorhersehbarkeit findest du in Kapitel 4 von Die Sprache des Schäferhunds.

Wo wird es bei euch schwierig?

An der Haustür? Bei anderen Hunden? Oder an jeder einzelnen Duftnachricht am Wegesrand?

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